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	<title>Hanna Silbermayr - Journalismus &#124; Fotografie</title>
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		<title>Verlorene Städte</title>
				
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		<pubDate>Sat, 11 Feb 2012 09:15:02 +0000</pubDate>

		<dc:creator>Hanna Silbermayr - Journalismus &#124; Fotografie</dc:creator>
		
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Polizei. Alles geht blitzschnell. Schlagknüppel knallen auf nackte Haut. Auf der Ladefläche des Pick-ups drei Männer, sie werden die Nacht im Gefängnis verbringen. Ein Schatten springt aus dem Gebüsch. Hastig läuft er über die Schnellstraße, stößt beinahe mit einem LKW zusammen und verschwindet schließlich zwischen den schützenden Häuserschluchten.

„Es gibt so viele Vorurteile und keinen interessiert, was wirklich los ist.“ Der 28-jährige Juan Carlos scharrt mit den Füssen im staubigen Boden. Seine dunklen Augen wirken müde, die Kleidung ist schmutzig. „Wir sind keine Kriminellen“, fügt er leise hinzu. Autos rasen auf der Schnellstraße neben dem Kanal vorbei. Über die Brücke, die den Grenzübergang mit dem Stadtzentrum verbindet, marschieren unzählige Touristen. Tijuana. In den vergangenen Jahrzehnten verwandelte sich die mexikanische Stadt direkt an der Grenze zu den USA in eine traurige Berühmtheit: der Drogenhandel, die Prostitution und die irreguläre Migration haben sie in aller Welt bekannt gemacht. Eigentlich kommt Juan Carlos aus dem Süden Mexikos, doch der amerikanische Traum hat ihn bis nach Tijuana gebracht. 

Endstation Tijuana
Schätzungen des U.S. Department of Homeland Security zufolge lebten 2010 über 6,6 Millionen Mexikaner in irregulärer Situation in den Vereinigten Staaten. Im selben Jahr wurden beinahe 282.0001 davon des Landes verwiesen. In einem Bus werden sie an die Grenze zu Mexiko gebracht und durch ein einfaches Tor im Grenzzaun ins Nachbarland entlassen. „Jeden Tag werden bis zu 250 Personen nach Tijuana abgeschoben. In den vergangenen Jahren waren es mehr, ungefähr 400 pro Tag.“ Victor Clark Alfaro sitzt in seinem kleinen Büro direkt gegenüber des Gebäudes der Stadtverwaltung von Tijuana. Unzählige Anerkennungen schmücken die vergilbten Wände. Er ist Professor an der San Diego State University und Direktor des binationalen Zentrums für Menschenrechte in der mexikanischen Grenzstadt. „Die Menschen, die abgeschoben werden, haben keine Arbeit. Für viele ist in Tijuana Endstation. Das wird allmählich zu einem sozialen Problem“, glaubt er.

Nur schwach beleuchtet das Deckenlicht den Speisesaal. In der kleinen Küche füllen freiwillige Helfer Schüsseln mit Essen. Dunkle Gestalten sitzen an den Tischen und schlürfen Bohnenmus. „Die finanziellen Mittel unserer Organisation sind stark limitiert. Darum können wir nur während der ersten zwei Wochen nach der Abschiebung einen Schlafplatz, Duschen und warmes Essen anbieten“ erklärt Ofelia Gress de Vargas. Die zierliche Frau leitet eine Herberge für Migranten, die von der Heilsarmee finanziert wird. Für gewöhnlich nimmt sich anfangs die mexikanische Einwanderungsbehörde der Abgeschobenen an und stellt erste Informationen zur Verfügung. Von den Deportees wird erwartet, dass sie sich Arbeit suchen oder in ihren ursprünglichen Herkunftsort in Mexiko zurückkehren. Doch in Zeiten der Wirtschaftskrise gestaltet sich all das relativ schwierig. „In dieser Stadt gibt es 50.000 Arbeitslose. Es ist momentan äußerst kompliziert, Arbeit zu finden“, macht Victor Clark Alfaro die Problematik deutlich. Darum landen viele der Abgeschobenen nach Ablauf der ersten zwei Wochen mittellos auf der Straße.

Verlorene Städte
Die Sonne wirft ein Glitzern auf das wenige Wasser im Kanal. Still zieht es quer durch die Stadt. Vor vierzig Jahren konnte sich das Wasser noch frei durch Tijuana schlängeln. Mitte der 70er Jahre wurde es dann in eine breite Beton-Wanne gepfercht, die heute das Stadtbild prägt. „Im Kanal leben ungefähr 1000 Menschen. Wieviele es aber wirklich sind, weiß man nicht so genau. Manchmal sind es mehr, manchmal weniger.“ Victor Clark Alfaro hat die Bewohner des Kanals besucht. Einer Sache ist er sich gewiss: „Dort unten befinden sich verlorene Städte. Wenn die Menschen in Tijuana davon wüssten, wäre das ein großer Skandal.“ 

„Die mexikanische Polizei ist schlimmer, als die US-amerikanische, sie jagen uns wie Verrückte.“ Der 25-jährige Gerardo ist dabei, seine wenigen Habseeligkeiten zusammenzusammeln. Ein paar Stunden zuvor war eine Patrouille in den Kanal gekommen und hat die Menschen, die dort leben, festgenommen. Gerardo konnte gerade noch über die Schnellstraße entkommen. „Sie fragen uns nicht, wie wir heißen. Und wenn wir Geld oder Dokumente vorweisen, nehmen sie uns diese einfach weg. Sie schlagen uns mit ihren Stöcken und werfen Essen und Medikamente in den Kanal.“ Gerardo hat zuvor einige Jahre als irregulärer Migrant in den USA verbracht. Dann wurde er abgeschoben. Die Korruption der mexikanischen Polizei ist allgemein bekannt. Immer wieder klagen Menschenrechtsaktivisten die Missstände an. Die Abgeschobenen werden zumeist ohne klare Gründe festgenommen. Sie werden einem Richter vorgeführt, der die Höhe der Strafe festlegt. Bis zu 36 Stunden verbringen sie danach in Polizeigewahrsam. „Diese Menschen werden von Polizei und Justiz regelrecht zu Illegalen und Gejagten im eigenen Land gemacht“, erklärt Viktor Clark Alfaro. In einem Bericht vom Juli 2008 beschreibt er 187 Fälle von polizeilichem Fehlverhalten, die ihm während des Zeitraums von August 2007 bis April 2008 gemeldet wurden. Doch die meisten Fälle kommen aus Angst vor einem noch härteren Vorgehen der Polizei erst gar nicht zur Anzeige. Diese argumentiert ihr Vorgehen als Präventionsmaßnahme zur Bekämpfung der Kriminalität. Viele der Migranten, die im Kanal leben, würden Diebstähle begehen und auf der Straße herumlungern, bekräftigt auch Aurelio Martinez Paz, Vize-Chef der Polizei von Tijuana. Juan Carlos schiebt das Hosenbein bis zum Knie hoch. Ein blauer Fleck. Er schaffte es nicht, sich schnell genug vor der Polizei in Sicherheit zu bringen. Tränen steigen ihm in die Augen. „Niemand kommt zu uns und fragt, warum wir auf der Straße leben. Ich habe nichts Schlimmes getan.“

Zwischen Drogensucht und amerikanischem Traum
Auf dem Schreibtisch stapeln sich Bücher und Zeitschriften. Victor Clark Alfaro wirkt dahinter beinahe verloren. „Man darf sich aber auch nichts vormachen“, murmelt er, „es leben auch Kriminelle im Kanal.“ Es gibt unzählige Gründe, warum jemand aus den USA abgeschoben wird. In den meisten Fällen handelt es sich um Kavaliersdelikte, wie etwa Vergehen im Straßenverkehr.  Diejenigen die größerer Verbrechen angeklagt wurden, sitzen ihre Haftstrafe für gewöhnlich in einem US-amerikanischen Gefängnis ab, bevor sie nach Mexiko abgeschoben werden. „Im Kanal leben ehemalige Häftlinge und Banden-Mitglieder, aber auch unbescholtene Menschen“, erklärt Victor Clark Alfaro. Der Kanal ist ein rechtsfreier Raum, der Stärkere gewinnt. Darum finden sich viele der Menschen dort in Gruppen zusammen, um sich selbst zu schützen. Das Leben auf der Straße ist hart, viele kommen damit nicht klar, verfallen den Drogen. „Manche der Menschen, die man im Kanal sieht, leben nicht dort. Sie gehen dorthin, um Drogen zu verkaufen“, erklärt Victor Clark Alfaro. Viele der Abgeschobenen schnüffeln Klebstoff, andere Drogen können sie sich nicht leisten. Der Traum, in die USA zurückzukehren, hat sich mit der Zeit in einen nebeligen Rauschzustand im schmutzigen Kanal Tijuanas verwandelt. 

Untertags versuchen sie Arbeit auf einem der Gemüse-Märkte zu finden oder putzen die Autos, die am Grenzübergang zu den USA warten. So verdienen sie ein paar Pesos, um sich Essen zu kaufen oder ihre Abhängigkeit zu finanzieren. Auf politischer Ebene versucht man inzwischen eine Lösung für die Menschen im Kanal zu finden. „Man will ihnen Arbeit anbieten und sie so von der Straße wegholen“, weiß Victor Clark Alfaro zu berichten. „Das Problem ist aber, dass jeden Tag unzählige Personen nach Tijuana abgeschoben werden und so auch ständig neue Menschen im Kanal ankommen. Ich weiß nicht, ob man die gesamte Problematik so lösen wird können.“ Juan Carlos und Gerardo wollen das Leben auf der Straße jedenfalls hinter sich lassen. Sie halten sich fern von Drogen und Alkohol. Juan Carlos sagt, dass er, wenn er es nicht bald über die Grenze in die USA schafft, in seine Heimatstadt in Südmexiko zurückkehren wird. „Dort ist das Leben immer noch besser, als in Tijuana“, ist er sich sicher.

1 Das Yearbook of Immigration Statistics mit den genauen Zahlen kann unter www.dhs.gov als PDF heruntergeladen werden

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Diese Reportage wurde auf fm4.orf.at veröffentlicht.</description>
		
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		<title>Das mit den Batterien...</title>
				
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		<pubDate>Tue, 10 Jan 2012 00:05:13 +0000</pubDate>

		<dc:creator>Hanna Silbermayr - Journalismus &#124; Fotografie</dc:creator>
		
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„Wir sprechen hier von einer der ärmsten Regionen Boliviens. Kein Strom, kein Gas, kein Wasser. Und das in einem der rohstoffreichsten Länder dieser Erde.“ In seinem kleinen Büro in La Paz bringt Evert Villena, Sprecher der staatlichen Bergbaugesellschaft COMIBOL, die Tatsachen auf den Punkt. 550 Kilometer weiter südlich glitzert das Salz in der grellen Sonne. Der Wind fegt es über die Weiten der Einöde. Am Horizont zeichnen sich die Silhouetten vereinzelter Berge ab. Der Salar de Uyuni. Gigantisch liegt der Salzsee inmitten der Anden. Er erstreckt sich auf einer Fläche von über 10.000 Quadratkilometern, ist 25 mal so groß wie Wien. Und er birgt einen wertvollen Schatz: Lithium.

Energiewende
Die Welt, so glauben viele, steht vor einer Energiewende. Das Erdöl wird allmählich knapp und der Ruf nach höherem Umweltbewusstsein laut. Lithium wird inzwischen als einer der wichtigsten Rohstoffe der Zukunft gehandelt. Das Leichtmetall ist die Basis für leistungsstarke Akkus, die bald auch in unzähligen Elektroautos zum Einsatz kommen könnten. Schon jetzt findet man sie in Notebooks, Mobiltelefonen und MP3-Playern. Bolivien glaubt, den Geist der Zeit erkannt zu haben. Nahe des kleinen Dorfes Río Grande, am Rand des Salar de Uyuni, befindet sich eine Pilotanlage. Das Labor darin wirkt steril. Proben aus dem Salzsee und Reagenzgläser stehen auf den Tischen. Im Nebenraum mischen junge Wissenschaftler die Proben mit Wasser, um aus der Flüssigkeit neue Erkenntnisse über den Lithium-Gehalt im Salar zu gewinnen. Ein paar Kilometer von der Pilotanlage entfernt liegen die Lithiumbecken. Türkisblau leuchtet die Flüssigkeit unter der Sonne. Lastwagen bewegen sich über den kargen Boden des Salzsees. All das ist nur der Beginn eines ehrgeizigen Projekts. Das Lithium soll den Bolivianern ihre Ehre zurückgeben. 

Hundert Prozent bolivianisch
Der Andenstaat ist eines der ärmsten Länder Lateinamerikas, beinahe 70% der Bevölkerung leben in Armut. Unter der Schirmherrschaft der USA haben ausländische Unternehmen Bolivien in der Vergangenheit in den Ruin getrieben. Jahrzehntelang wurden die unzähligen Bodenschätze des Landes lukrativ ausgebeutet, Geld dafür sah der Staat aber kaum. Als Evo Morales 2006 ins Parlament in La Paz einzog, versprach er, diesem Ausverkauf ein Ende zu bereiten. Die natürlichen Ressourcen des Landes gehörten dem bolivianischen Volk, sagte er während seiner Antrittsrede. Und die Erträge, welche deren Ausbeutung abwirft, sollten den Menschen im Land zu Gute kommen. Noch im selben Jahr wurden die Erdöl- und Erdgasindustrien unter Beifall der vornehmlich indigenen Bevölkerung verstaatlicht. Drei Jahre später verabschiedete man eine neue Verfassung. In ihr verschreibt sich der Staat einer pluralistischen Wirtschaft. Diese vereint unterschiedliche Wirtschaftsmodelle in sich und steht unter sozialer Kontrolle. So auch im Fall des Lithiums. Im Salar de Uyuni vermutet man die weltweit größten Vorkommen des begehrten Leichtmetalls. Über 100 Millionen Tonnen davon sollen sich laut bolivianischen Nachforschungen im Salzsee befinden, das wären ganze 70% Weltanteil. Diese sollen aber nicht, wie so oft in der Vergangenheit, von multinationalen Konzernen industrialisiert werden. Bolivien will von dieser Ressource selbst profitieren und so die bittere Armut im Land bekämpfen. „COMIBOL gehört dem Staat. Das bedeutet, dass es Geld für Sozialprojekte in der Region und später in ganz Bolivien geben wird“, erklärt Evert Villena. Noch steht Bolivien am Anfang der industriellen  Gewinnung von Lithium, spätestens Ende 2014 aber soll die Produktion von Lithium-Karbonat in großen Mengen von bis zu 30.000 Tonnen pro Jahr starten. Das Konzept der bolivianischen Regierung ist ausgeklügelt. Ausländische Unternehmen sollen zwar als Partner auftreten und bei der Industrialisierung des Salar de Uyuni mit Wissen und Technologie helfen, die Weiterverarbeitung des Lithiums zu Batterien muss aber im Andenstaat stattfinden. So will man sicherstellen, dass der Großteil der Einnahmen aus dem Salzsee im Land bleibt. Die Verhandlungen mit dem Ausland gestalten sich dabei teilweise schwierig, da nur wenige die Bedingungen Boliviens voll und ganz akzeptieren wollen. Dennoch wurden mit Ländern wie Japan, Brasilien, Iran, Südkorea und kürzlich auch China Vereinbarungen über eine zukünftige Zusammenarbeit unterschrieben. Evert Villena ist auf alle Fälle sicher, dass das Konzept Erfolg haben wird.

Hoffnung der Armen
Eine halbe Stunde Autofahrt vom Salzsee entfernt sitzt der 40-Jährige Damaico auf einer der Bänke der Plaza im Zentrum von Uyuni. Gedankenverloren starrt er auf seine schmutzigen Hände. Immer wieder überqueren Touristen den Platz. Der Ort ist erste Anlaufstelle, wenn man Touren im Salzsee unternehmen will. Den Mann auf der Parkbank würdigen die Wenigsten eines Blickes. „Ohne den Tourismus ginge es der Stadt noch schlechter“, glaubt Damaico. Er ist in Uyuni aufgewachsen, hat den Ort selten verlassen. Zur Schule ging er nur kurz, selbst beim Buchstabieren seines Namens hat er Probleme. Manchmal findet er Arbeit am Bau, doch nicht immer wird seine Arbeitskraft gebraucht. „Man muss alles machen können, dann lässt es sich hier einigermaßen leben.“ Und das Lithium? Seine Augen beginnen zu leuchten. „Das ist das mit den Batterien, oder?“ Worum es geht, weiß er nicht so genau. Aber er hofft, dass ihm der Rohstoff Arbeit verschaffen wird. Auch in Río Grande ist die Hoffnung groß. Die Bewohner des Dorfes leben vornehmlich von der Salzproduktion. Diese aber liegt während der Monate der Regenzeit still und die Männer versuchen anderswo Arbeit zu finden. Damaico und die Menschen in Río Grande sind nicht die Einzigen, die ihre Hoffnung in das staatliche Projekt des Lithium-Abbaus setzen. Vor sechs Jahren war es vor allem die ärmere Bevölkerungsschicht, die Evo Morales zu einem fulminanten Sieg in den Präsidentschaftswahlen verhalf und ihn drei Jahre später in seinem Amt bestätigte. Überall in Bolivien findet man Wandmalereien, die von diesem breiten Vertrauen in den indigenen Präsidenten zeugen. 

Gefährdete Lebensstrukturen
Dennoch sind nicht alle von dem Vorhaben der Industrialisierung des Salar de Uyuni überzeugt. Die bolivianische Regierung verspricht, dass neue Straßen gebaut, Wasserleitungen verlegt und Strom in die Region um den Salar gebracht werden würden. Obwohl diese Infrastruktur vornehmlich zur Verwirklichung des staatlichen Projekts benötigt wird, profitiere die Bevölkerung um den Salzsee davon, macht Evert Villena deutlich. Genau hier liege aber das Problem, glauben Kritiker. Jeffrey Jenkins von der University of California hat eine Studie verfasst, die sich mit den Auswirkungen der Industrialisierung von Rohstoffen auf die Umgebung des Salzsees befasst. Die Ergebnisse sind teilweise ernüchternd. Die industrielle Gewinnung von Lithium im Salar de Uyuni könnte zu  massiven Veränderungen der regionalen Wirtschafts- und Lebensstrukturen führen. Die Bevölkerung in der Region um den Salar lebt vornehmlich vom Salzabbau, der Quinoa-Produktion, der Lama-Zucht und dem Tourismus. Da für den Lithium-Abbau große Mengen an Wasser gebraucht werden, könnte es zu einem Wassermangel in der herkömmlichen Quinoa-Produktion und der Lama-Zucht kommen. „Das würde die regionale Wirtschaft massiv stören und könnte die Kluft zwischen global ausgerichteten und regional agierenden Unternehmen vergrößern“, erklärt Jeffrey Jenkins. In Folge würden viele Bauern in andere Regionen des Landes abwandern, was widerum Auswirkungen auf die Lebensstrukturen rund um den Salar de Uyuni hätte. Das Gebiet würde sehr rasch globalisiert werden, die Menschen könnten mit diesem schnellen Wachstum womöglich nicht mithalten und würden erst recht in die Armut getrieben. Dennoch liegt die gesamte Hoffnung der Menschen in der Umgebung des Salzsees auf dem Präsidenten und seinem ehrgeizigen Vorhaben. „Evo Morales ist ein guter Mann, der beste Präsident, den dieses Land haben kann. Durch ihn wird es uns besser gehen, er wird uns Arbeit bringen.“ Wieder durchzieht ein Leuchten die Augen Damaicos. Er hat nicht viel zu verlieren, es kann nur besser werden, glaubt er.

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		<title>Tiger im Wald</title>
				
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		<pubDate>Mon, 09 Jan 2012 18:36:19 +0000</pubDate>

		<dc:creator>Hanna Silbermayr - Journalismus &#124; Fotografie</dc:creator>
		
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Meidling. Der kühle Wind fegt die letzten Reste des Spätsommertages über den Bahnsteig. In großen gelben Lettern steht der Name des Zugendbahnhofes auf der Anzeige – Roma Termini. Manvir* umarmt flüchtig seine Freunde, steigt ein, winkt. Dann fährt der Zug ab, verlässt das nächtliche Wien. 

Ein Jahr zuvor. Es ist still am Monte del Renegado, nur die Grillen zirpen. „In der Wüste sind zwei meiner Freunde gestorben“, sagt Sonu. Der 25-Jährige vergräbt sein Gesicht in den Händen und atmet tief durch. Als er wieder aufschaut, hat er Tränen in den Augen. Verlegen wischt er sie weg. Er schüttelt den Kopf. Nein, wenn er gewusst hätte, wie diese Reise verlaufen würde, wenn man ihm gesagt hätte, dass man ihn ausrauben, schlagen, einsperren und demütigen würde, hätte er sie nie angetreten. Sonu ist einer von 54 Indern, die 2006 als irreguläre Migranten nach Ceuta kamen, gestrandet in der spanischen Exklave am afrikanischen Kontinent, nördlich von Marokko. Nur die 21 km breite Straße von Gibraltar trennt sie von ihrem Traum, dem spanischen Festland, von Europa.

Odyssee durch die Saharische Wüste
Ihr Zuhause ist ein Camp im Wald. Es lässt ein Gefühl von Sommer und Ferienlager aufkommen, doch für die indischen Migranten ist all das kein Spiel, es ist harte Realität. Zwei Jahre verbrachten sie im Centro de Estancía Temporal para Inmigrantes, einer Art Auffanglager. Es ist eigentlich darauf ausgelegt, für Menschen, die die Grenze illegal überschreiten, eine erste Anlaufstelle mit sozialer Grundversorgung zu sein. Das Zentrum in Ceuta fasst 512 Personen, zeitweise sind jedoch mehr Menschen darin untergebracht. Viele Migranten leben seit Jahren dort. Senegalesen, Nigerianer, Pakistaner, Inder. Im April 2008 machten Gerüchte die Runde, dass die Inder abgeschoben werden sollten. Jetzt. Nach zwei Jahren. Die Gruppe fasst einen Beschluss, sie will nicht kampflos aufgeben. Die Inder fliehen in die Wälder des nahegelegenen Berges, auf den Monte del Renegado.

Zwei Jahre dauerte die Odysee. Alles begann in Indien, mit einer leeren Versprechung. „Ein Mann sprach mich damals an der Universität an“, erklärt Sonu. Er würde in der Europäischen Union leben und arbeiten können, alles legal, sagte man ihm. Umgerechnet 8000 Euro sollte er dafür auf den Tisch legen. Der Großteil der indischen Migranten, die in Ceuta im Wald leben, kommt aus der nördlichen Provinz Punjab, einer Gegend, die von Landwirtschaft dominiert ist. Um die Reisen der Söhne zu finanzieren, verkauften ihre Familien Ländereien oder verschuldeten sich bei Freunden und Banken. Die jungen Männer sollten diese Chance wahrnehmen können. Sie bestiegen den Flieger in Neu Delhi. Reiseziel Addis Abeba, die Hauptstadt Äthiopiens. „Wir wurden von Männern abgeholt, die uns in ein Haus brachten. Dort mussten wir ihnen unsere Pässe geben, für das Visum.“ Sonu schaut auf den Boden und schüttelt den Kopf. „Die Pässe haben  wir nicht mehr zurückbekommen.“ Die Inder waren in die Fänge von Menschenschmugglern geraten. Monate verbrachten sie in dem Haus in Addis Abeba, eingesperrt. Danach ging die Reise nach Burkina Faso, nach Mali und von dort aus in die Saharische Wüste von Algerien. „Zu Fuß und mit dem Auto waren wir unterwegs. Wir wussten nicht, wann wir zu essen oder trinken bekommen würden und manchmal hat die Mafia das Wasser mit Benzin vermischt, damit wir nicht so viel trinken. Meine Freunde sind daran gestorben.“ Die Sahara gilt für Immigranten als einer der gefährlichsten Teile der Reise nach Europa. Nicht nur wegen der natürlichen Gefahren, die die Wüste birgt, sondern auch, weil man in ihr der Polizei ausgeliefert ist. Sonu erzählt, dass er die Grenze zwischen Marokko und Algerien mehrmals überquert hat. Wie oft? Irgendwann habe er aufgehört zu zählen, sagt er. Immer, wenn sie es nach Marokko geschafft hatten, kam die Polizei und brachte sie zurück nach Algerien. Unter Experten ist dieses Phänomen bekannt. Das europäische Netzwerk Migreurop zitiert in seinem Ende 2009 erschienenen Jahresbericht Hicham Baraka, den Vorsitzenden der marokkanischen Menschenrechtsorganisation ABCDS, der von einem Ping-Pong-Spiel zwischen marokkanischen und algerischen Grenzwachen spricht.

Manvir humpelt. Er kann nicht mehr auf seinen Fuß auftreten. Als er morgens bei der Tür hinausging, hat es plötzlich geknackst und er ist mit dem Bein umgeknickt. Die drei Jahre in Ceuta, die er die unwegsamen Hänge des Monte del Renegado hinauf- und hinablief, hat er sich nie verletzt. Ein Bänderriss im Knie. Und das ausgerechnet jetzt, wo er gerade erst nach Wien gekommen war und mit der Arbeit als Zeitungsausträger beginnen wollte. Diese Arbeit kann er vergessen, stiegensteigen kann er so nicht.


Gefangen im süßen Gefängnis
Der Tag liegt drückend heiß über Ceuta. Einer der Inder schleppt eine 25-Liter-Flasche Wasser den steilen Hang hinauf. Mitten am Weg bleibt er stehen, stellt die Flasche ab, verschnauft kurz. „Pani“, erklärt Sonu, „ist ein sehr wichtiges Wort, es bedeutet Wasser. Sieben Monate haben wir gebraucht, um die Wüste zu durchqueren und wir wussten nie, wann wir an Wasser kommen würden.“  Einer der Immigranten nähert sich. Seine Haut ist dunkel, die schwarzen Augen wirken vertrauenswürdig. Sein Arm ist von großen länglichen Narben überzogen. „Die Mafia wollte mehr Geld. Weil ich keines hatte und ich meine Familie nicht anrufen konnte, damit sie mir hilft, haben sie mir mit einer Machete Wunden zugefügt“, sagt er.

Der Großteil der indischen Migranten gehört der Religion der Sikhs an. In einem der Camps im Wald haben sie eine kleine Gurdwara, einen Sikh-Tempel, errichtet. Jeden Tag beten sie dort für eine bessere Zukunft. Das Leben im Wald zerrt an den Nerven, raubt Energie. Sehr rosig sieht die Zukunft in diesem schwülen Sommer 2009 nicht aus. „Seit drei Jahren sind wir jetzt in Ceuta und es kommt einfach keine Nachricht aus Madrid. Für die Politiker sind wir nur irgendwelche Nummern. Wenn sie uns abschieben wollen, warum haben sie das dann nicht schon in den ersten paar Wochen gemacht?“ Als süßes Gefängnis bezeichnen die Inder Ceuta. Die Wüste liegt hinter ihnen, sie sind in Sicherheit, doch sind sie trotzdem in der spanischen Exklave gefangen. „Das Schlimmste ist das Warten, nicht zu wissen, was die Zukunft bringt, das Leben nicht mehr selbst in der Hand zu haben.“ Nach einer kurzen Pause fährt Sonu fort und erklärt, dass alle männlichen Sikhs den Nachnamen Singh tragen. Er steht für die Gleichheit der Religionsmitglieder und bedeutet soviel wie Löwe oder Tiger. Darum nennt sich die Gruppe Los Tigres del Monte, die Tiger des Berges. „Wir sind stark und werden nicht aufgeben“, versichert er.

Es ist warm, als Manvir in Wien ankommt. Zwei Tage Reise liegen hinter ihm. Von Barcelona aus hat er halb Europa durchquert, um nach Österreich zu kommen. Hier hat er Freunde. Und es soll Arbeit geben, mehr als in Spanien. Drei oder vier Tage verbringt er in Traiskirchen, wo er um Asyl bittet. Eine andere Möglichkeit gibt es für ihn in Österreich nicht. Dass er bald wieder abreisen wird, ahnt er zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Ungewissheit zwischen Afrika und Europa
Dezember 2009. Der Winter macht das Leben im Wald unerträglich. Die Kälte ist ständiger Begleiter am Monte del Renegado. Vom vielen Regen ist die Erde aufgeweicht und die Ratten retten sich unter die trockenen Verschläge in den Camps. Den Tag verbringt Sonu in der Stadt, er arbeitet. Viele Möglichkeiten gibt es nicht, Geld fürs Überleben zu verdienen. In der Nähe des Stadtzentrums weisen die Inder Fahrzeuge in Parklücken ein oder helfen vor den Supermärkten die Einkäufe in den Autos zu verstauen. So gibt es ein paar Cent, manchmal vielleicht auch einen Euro. Die Einwohner Ceutas zeigen sich solidarisch mit den indischen Migranten, viele versichern, dass die jungen Männer immer nett und zuvorkommend sind. Trotzdem ändert dies wenig an ihrer Situation, die Zukunft liegt in den Händen der Behörden. Im September hatte es erstmals eine Nachricht von Seiten der spanischen Regierung gegeben. Die Inder sollten aufs Festland gebracht und ihr Status legalisiert werden. Hoffnung. Doch vier Monate später ist die Lage unverändert, keine weiteren Nachrichten mehr.

Dann plötzlich geht alles Schlag auf Schlag. Polizei. Woher sie kämen, ob sie Papiere hätten. Zehn der Inder werden festgenommen und verbringen zwei Nächte im Gefängnis von Ceuta. Am zweiten Tag werden sie einem Richter vorgeführt. Er hält ihre Abschiebebescheide bereit. Und dann der Moment, auf den die Inder eigentlich so lange gewartet hatten. „Ich habe so oft die Fähren beobachtet, die den Hafen jeden Tag Richtung Europa verlassen. Aber ich habe mir die Reise immer anders vorgestellt.“ Umgeben von lärmenden Touristen sitzt er jetzt auf seinem Platz. Rechts und links ein Polizist, die Hände in Handschellen. „Nein, ich habe nie gedacht, dass es so sein würde“, beteuert Sonu.

Im Besucherraum des Centro de Internamiento de Extranjeros, dem Pendant zum österreichischen Schubhaftzentrum, ist die Stimmung gedrückt. Die Menschen unterhalten sich nur flüsternd. Eine Glaswand teilt den kahlen Raum in zwei Bereiche. „Zehn Minuten“, brüllt der Wachbeamte den Besuchern zu, während hinter der Scheibe vier Gestalten auftauchen. Wie im Zoo, möchte man denken. Sonu lächelt, sagt etwas, doch man versteht ihn kaum. Jetzt ist es laut unter den Besuchern, alle wollen ihrem Gegenüber etwas mitteilen. „Ich habe mir dort viele Gedanken gemacht, im Schubhaftzentrum ist die Abschiebung nicht mehr fern.“, erklärt Sonu Wochen später in Madrid. 58 Tage verbrachte er in Ungewissheit, danach ließ man ihn plötzlich frei. Ohne Papiere. 

Am Rand der Gesellschaft
„In Wien hätte ich keine Chance gehabt“, ist sich Manvir sicher. „Ich kenne dort kaum jemanden und mit dem kaputten Knie konnte ich nicht arbeiten. Darum bin ich nach Spanien zurückgekommen.“ Er sitzt in der kleinen Küche der Gurdwara und schneidet Zwiebeln, Sonu reinigt im Gebetsraum Glasschränke. In der Sikh-Gemeinschaft in Madrid haben die Inder Zuflucht gefunden. Sie verbringen beinahe den ganzen Tag im Tempel, kochen, putzen, helfen mit, wo Hilfe gebraucht wird. „Ich will nicht den ganzen Tag untätig in der Stadt herumlungern, ich will mich nützlich machen“, erklärt Sonu. Arbeiten darf er laut spanischem Recht nicht. Dieses räumt allerdings die Möglichkeit ein, dass Migranten, die drei Jahre im Land zugebracht haben und einen Arbeitsvertrag vorweisen können, eine temporäre Arbeits- und Aufenthaltsgenehmigung beantragen können. „Wir sind jetzt ein Jahr in Madrid, wir erfüllen alle Voraussetzungen, aber die indische Botschaft stellt uns keine Pässe aus“, klagt Sonu. Viele Male war er bei der indischen Botschaft in Madrid, hat versucht einen neuen Pass zu beantragen, aber immer wieder wird er zurückgewiesen, auf einen späteren Zeitpunkt vertröstet. Ashish Sinha, zweiter Botschaftssekretär zeigt sich unwissend. „Natürlich kümmern wir uns um unsere Staatsbürger. Jeder, der einen Pass braucht, bekommt diesen auch“, versichert er vehement. „Aber es war niemand da, der nach einem Pass gefragt hat.“ Sonu und Manvir sind wütend, sie fühlen sich von den Behörden verhöhnt. „Die Spanier sagen, wir bräuchten unsere Pässe, die indische Botschaft gibt uns aber keine. Warum machen sie das?“ Drei Monate können die Inder noch in der Unterkunft des Roten Kreuzes bleiben. Danach müssen sie woanders hin. Wohin? „Auf die Straße“, erklärt Sonu flüsternd. „Wie sollen wir eine Wohnung mieten, wenn wir nicht arbeiten dürfen?“ 

Die Hoffnung stirbt zuletzt
34 der Tigres del Monte wurden gemeinsam mit Sonu und Manvir Ende 2009 aufs spanische Festland gebracht. Die restlichen zwanzig sind immer noch in Ceuta. Bis kurz vor Weihnachten des abgelaufenen Jahres blieben sie im Wald. Dann gaben sie auf, nach beinahe 1000 Tagen am Monte del Renegado. Sie gingen zurück ins Centro de Estancía Temporal para Inmigrantes, das Zentrum, das vier Jahre zuvor ihre erste Unterkunft in Ceuta gewesen war. Die Direktion des Auffanglagers hat versprochen sich für sie einzusetzen, sie aufs spanische Festland zu bringen. Nach drei Wochen kommt Besuch, die indische Botschafterin. Kein gutes Zeichen, wie die Inder aus der Vergangenheit wissen. Denn immer dann, wenn ein Botschafter ins Auffanglager kommt, wird in den jeweiligen Staat abgeschoben. Der Botschafterbesuch dient der Identitätsfeststellung. Die Hoffnung aber stirbt zuletzt. „Wir werden weiter kämpfen“, sagt Sonu, „auch für die, die noch in Ceuta sind.“

*Namen von der Autorin geändertNachtrag: Mitte 2011 wurden die in Ceuta verbliebenen Inder aufs spanische Festland gebracht und wie schon die erste Gruppe ohne Papiere freigelassen. Bis heute ist ihre Situation unverändert - die indische Botschaft stellt keine Pässe aus und somit können die indischen Migranten ihren Aufenthaltsstatus in Spanien nicht legalisieren.
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Diese Reportage wurde auf fm4.orf.at und auf paroli-magazin.at veröffentlicht.</description>
		
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		<title>Sie haben uns das Meer gestohlen</title>
				
		<link>http://www.hannasilbermayr.com/Sie-haben-uns-das-Meer-gestohlen</link>

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		<pubDate>Mon, 09 Jan 2012 18:21:04 +0000</pubDate>

		<dc:creator>Hanna Silbermayr - Journalismus &#124; Fotografie</dc:creator>
		
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„Sie haben uns das Meer gestohlen“, ist sich Kofi sicher. Der junge Fischer aus Ghana meint damit die Europäer und hat gar nicht so unrecht. Die Europäische Union hat mit einigen westafrikanischen Staaten Fischereiabkommen beschlossen, die es europäischen Industrie-Flotten erlauben, vor den Küsten Afrikas zu fischen. Die Konsequenzen für die heimischen Fischer sind gravierend, denn die Meere sind nahezu leergefischt. Ganze Dörfer lebten zuvor vom Fischfang. Doch plötzlich waren sie gezwungen, sich nach neuen Einnahmequellen umzusehen, um das tägliche Überleben zu sichern.

Ausweg aus dem Dilemma: Europa
Kofi hat im Sommer 2006 seine Sachen gepackt und sich auf den Weg nach Europa gemacht. An Bord eines einfachen Fischerbootes kam er auf die kanarischen Inseln. Die spanische Regierung selbst hat ihn – so wie viele andere – auf das spanische Festland gebracht und dort ohne Papiere freigelassen. Heute bestreitet er sein Leben in der Plantagenregion um Almería, wo Obst und Gemüse unter einem Meer aus Plastik angebaut und in die gesamte EU exportiert werden. „Anfangs hatte ich Arbeit in der Landwirtschaft. Damit konnte ich meine Familie in Afrika unterstützen, aber seit Ende 2007 ist es schwierig geworden, einen Job zu finden“, erklärt er. Vor ein paar Jahren brauchte man all diese Immigranten, um den Wohlstand Europas zu sichern. Doch seit es mit der europäischen Wirtschaft bergab geht, steht es auch um ihre Zukunft schlecht. Immigranten in irregulärer Situation, so wie Kofi, waren die ersten, die die Krise zu spüren bekamen. Heute glaubt er, dass es gerechter gewesen wäre, hätte man ihn sofort wieder nach Afrika zurückgeschickt und nicht aufs spanische Festland geholt, wo er sowieso nicht arbeiten darf.

Gewalt und Rassismus
Der 28-jährige Mann sitzt in einem abgenutzten Ledersessel, neben einer Couch mit hässlichem Blumenmuster und dem Fernseher das einzige Möbelstück im Raum. Von den kahlen Wänden bröckelt der Putz ab. Er ist einer der wenigen afrikanischen Migranten, die sich bereit erkärt haben, von ihrem Leben in Spanien zu erzählen. Zu stark misstraut man den Europäern. „Meiner Meinung nach haben die Spanier uns gegenüber eine sehr schlechte Einstellung. Wir sind zwar Immigranten, aber allem voran doch auch Menschen“, beschreibt Kofi den Konflikt. Anfangs habe er noch versucht, auf die Spanier zuzugehen, mit ihnen zu reden, ihnen zu erklären, warum er hier ist. Doch vergeblich. Der Rassismus in der Region um Almería ist spürbar. Im Jahr 2000 gipfelte er in gewaltsamen Ausschreitungen, bei denen Einheimische in der Kleinstadt El Ejido eine regelrechte Hetzjagd auf Immigranten abhielten. Seitdem scheint sich wenig geändert zu haben, nach wie vor gehört Diskriminierung zum Alltag der Zugewanderten. Es geht so weit, dass Migranten der Zutritt zu den Restaurants und Kneipen der Spanier verweigert wird. „Ich bleibe fast immer zuhause, weil ich nur hier meine Ruhe habe“, verdeutlicht Kofi die Problematik. „Wenn ich an einem dieser Orte in Schwierigkeiten gerate, ist keiner da, der mir hilft. Ich habe keine Papiere und habe Angst hinauszugehen. Schon eine Kleinigkeit kann große Probleme mit sich bringen.“

Leben im Cortijo
Mit „zuhause“ meint Kofi ein kaltes, verlassenes Gebäude, in dem er mit anderen Migranten lebt. Die Zimmer sind nur notdürftig eingerichtet und der stechende Geruch von Schimmel liegt in der Luft. Oft befinden sich diese Cortijos abgelegen, fern jeglicher Infrastruktur, inmitten der weitläufigen Plantagen. In den meisten Fällen haben sie keinen Strom und verfügen nur selten über fließendes Wasser. Jene Migranten, die Arbeit haben, verbringen fast den ganzen Tag in den stickigen Gewächshäusern. Sie verdienen 20, maximal 30 Euro pro Tag und sind nicht versichert. „Vielleicht sind wir teilweise auch selbst verantwortlich für diese Situation, weil wir sie akzeptieren.“, überlegt Kofi. Jeden Morgen versammeln sich unzählige Afrikaner an den staubigen Straßenecken der Kleinstadt und hoffen, dass ein Plantagenbesitzer vorbeikommt, der noch Arbeiter für den Tag braucht. Mit der Krise hat sich die Arbeitssituation der afrikanischen Migranten verschlechtert. Hatte man bis vor kurzem Afrikaner ohne Papiere noch toleriert, versucht man jetzt verstärkt, sie loszuwerden und durch Gastarbeiter aus den neuen EU-Ländern Rumänien und Bulgarien zu ersetzen. Das Vertrauen in osteuropäische Arbeiter ist größer, man hält sie für konfliktloser. Hinzu kommen die vermeintlich geringeren kulturellen und religiösen Unterschiede. Damit sinkt die Chance afrikanischer Migranten ihren Aufenthaltsstatus zu legalisieren. Denn das spanische Fremdenrechtgesetz sieht vor, dass man, wenn man nachweist, dass man drei Jahre im Land gelebt hat und über einen Arbeitsvertrag verfügt, eine befristete Aufenthaltserlaubnis beantragen kann. Im Rekordjahr 2006 kamen 31.600 Menschen auf illegalem Weg nach Spanien. Für die meisten ist jetzt der Zeitpunkt gekommen, dieses Bleiberecht einzufordern. Doch leicht wird es ihnen nicht gemacht. Viele Plantagenbesitzer versuchen aus dem Andrang und der Krise Profit zu schlagen. Sie bieten den Migranten die Arbeitsverträge, die sie für die Legalisierung ihrer Situation bräuchten, um einen Preis von bis zu 3000 Euro zum Verkauf an.

Versuche zu vermitteln
Nur wenige Organisationen sind darum bemüht, diesem schwelenden Konflikt den Wind aus den Segeln zu nehmen. Meist sind es kirchliche Organisationen, so wie etwa die Hermanas Mercedarias de la Caridad, die sich um die Migranten kümmern. Ordensschwester Purificación Rodríguez Castillo sitzt am Tisch in ihrem hellen Wohnzimmer. Im Schrank an der Wand stapelt sich Post aus Afrika, adressiert an jene Migranten, die in den Cortijos leben und keine eigene Adresse besitzen. Mamá Puri, wie sie liebevoll genannt wird, ist in San Isidro de Níjar tätig, einem Dorf, das 40 Kilometer nördlich von Almería liegt. Innerhalb der letzten zehn Jahre hat sich die Einwohnerzahl der Ortschaft auf 6917 verdoppelt. Zusätzlich, so schätzt Puri, halten sich zeitweise bis zu 1200 Migranten in irregulärer Situation im Ort auf. „Der Großteil von ihnen verfügt nur über geringe Bildung, eine sehr große Zahl sind Analphabeten und ein winziger Teil hat studiert.“, erklärt sie. „Dass sie ihre Heimat verlassen, hat zwei Hauptursachen. Einerseits besteht dort ein Mangel an Arbeit und andererseits herrschen Kriege. Sicherlich beeinflußt aber auch die Idee, dass man in Europa viel Geld verdienen und gut leben könne, ihre Entscheidung.“

Kritik
Nahe einem Cortijo, in dem zwischen zwanzig und fünfundzwanzig junge Afrikaner leben, wimmelt es von spanischen Schülern. Eifrig helfen sie mit, ein kleines Feld zu errichten, auf dem die Migranten aus dem Cortijo Gemüse anbauen und sich dadurch selbst versorgen können. Mamá Puri holt regelmäßig Schüler ins Dorf, um die junge Generation für das Thema „Migration“ zu sensibilisieren. Dennoch wirken Aktionen wie diese auf manch einen Migranten absurd. Immerhin waren viele der Zugewanderten in ihren Herkunftsländern Bauern und ein Großteil derer, die in San Isidro de Níjar strandet, arbeitet auch hier in der Landwirtschaft. Die Hermanas Mercedarias unterstützen Menschen, die in irregulärer Situation leben, vornehmlich dadurch, dass sie Informationen zugänglich machen, sie in rechtlichen Belangen beraten oder etwa Sprachkurse anbieten. An die Bedürftigsten verteilen sie Lebensmittel, Decken und Kleidung. Nicht alle sehen die Arbeit der Hermanas Mercedarias de la Caridad und Mamá Puri positiv. Sie würden die Migranten dadurch in eine materielle Abhängigkeit bringen, wird kritisiert. Oder aber auch, dass ihre Arbeit nur dafür gut wäre, das eigene Image aufzubessern. „Es gibt Versuche von Seiten der Kirche und NGOs Integration und gutes Zusammenleben zu fördern. Trotzdem muss man bedenken, dass sich Spanien sehr plötzlich aus einem Auswanderungs- in ein Einwanderungsland verwandelt hat. Die Immigration ging so schnell und massiv vor sich, dass Spanien nicht nachkommt und der Prozess der Anpassung an diese neue soziale Situation nur langsam und schwierig vorangeht.“, verteidigt Purificación Rodríguez Castillo ihre Position.

In Frieden leben
Unter den momentanen Umständen sieht Kofi für sich auf alle Fälle keine Zukunft mehr in Spanien. Er würde hier bleiben, hätte er Papiere und Arbeit. „Ich gehe dort hin, wo ich in Frieden leben kann. Hier ist das nicht möglich.“, erklärt er. Resigniert zieht er Bilanz: „Früher dachte ich, meine Zukunft würde sich hier in Europa abspielen, doch jetzt bin ich mir sicher, dass sie in Afrika liegt. Nur um meine Familie zu unterstützen, bin ich in diesem Land. Wenn ich aber keine Arbeit finde, was mache ich dann noch hier? Es ist vielleicht besser, zu ihnen zurückzukehren.“

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Diese Reportage wurde auf derStandard.at, im MO - Magazin für Menschenrechte von SOS Mitmensch und auf fm4.orf.at veröffentlicht. Sie wurde mit dem Anerkennungspreis in der Kategorie "Online" des Prälat Ungar JournalistInnenpreises ausgezeichnet.</description>
		
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