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Der Batman von Rio

Ein Zahntechniker lebt einen Kindheitstraum und kämpft als Superheld gegen Korruption und Ungerechtigkeiten. Wie Eron Morais Melo zum Batman von Rio de Janeiro wurde.

Rio de Janeiro. Für einen Superhelden ist Eron Morais Melo ziemlich bodenständig. Er wohnt in einem Stadtviertel von Rio de Janeiro, das eine Stunde vom Hauptbahnhof entfernt liegt. Gegenüber seines kleinen Hauses befindet sich eine öffentliche Schule, in der Nähe ein Krankenhaus. Im Arbeitszimmer riecht es nach Chemikalien, auf dem Tisch liegen künstliche Gebisse aus Gips. „Das ganz normale Leben eines Mannes der Mittelschicht“, sagt Eron. Wirklich stimmen tut das nicht. 

Zwei Wochen zuvor steht in der Innenstadt von Rio de Janeiro der Verkehr still. Kein Auto schafft es mehr durch die Avenida Rio Branco, eine der Hauptstraßen im Stadtzentrum. Wie aufgefädelt stehen die öffentlichen Busse am Straßenrand, blockiert von Hunderten Demonstrant:innen, die daran vorbeiziehen und Transparente in die Luft halten. Der Inhalt ihrer Parolen: „Fifa geh heim, wir wollen Bildung und Gesundheit, keine Weltmeisterschaft.“ Es ist der erste Spieltag der Fußball-WM, und während am Himmel dunkle Militärhubschrauber kreisen, begleiten grimmig dreinblickende Polizist:innen in Kampfmontur den Protest am Boden. Auch Eron Morais Melo ist gekommen. Doch heute ist er nicht Eron, heute ist er der Superheld Batman. 

Von Anfang an dabei – und zunehmend einsamer

Hoch über den Köpfen der Menschen spaziert er über das Dach eines Busses, sein schwarzer Umhang flattert dabei im Wind. Medienwirksam inszeniert er sich für die Presse, posiert bereitwillig für Fotos und hält eine dicht beschriebene Tafel in die Kameras der Journalist:innen. Man merkt, dass Eron Übung in seinem Schauspiel hat, dass es nicht der erste Protest ist, bei dem er auftritt. „Das ist meine Art, die Aufmerksamkeit auf Missstände zu lenken“, erklärt Eron, als er wieder zu Hause ist. Geduldig knetet er keramikweiße Paste zwischen seinen Fingern. Von Beruf ist der 33-Jährige eigentlich Zahntechniker, nimmt Aufträge verschiedener Ärzt:innen der Umgebung an und bastelt Zahnprothesen für deren Patient:innen. Von irgendetwas müsse man ja leben, sagt er. Batman sein alleine reiche nicht.

Vor einem Jahr, als Brasilien die größten Proteste seit Ende der Militärdiktatur erlebte, schlüpfte Eron zum ersten Mal in sein Fledermaus-Kostüm. Hunderttausende Menschen gingen damals in Rio de Janeiro auf die Straße, um gegen die ausufernde Korruption, die steigenden Lebenshaltungskosten und die Milliardenausgaben für die Fußball-WM zu demonstrieren. Eron Morais Melo war von Anfang an als Batman mit dabei – und ist es auch jetzt noch. Obwohl die Proteste mittlerweile abgeflaut sind, ist er für viele damit zum Helden geworden.

„Die Brasilianer hatten vielleicht resigniert.“

Dabei war Politik in seiner Jugend kaum Thema, in seiner Familie sprach man nur selten darüber. Und trotzdem machte er sich selbst schon früh Gedanken. Er habe nicht verstehen können, weshalb niemand etwas gegen die großen Ungerechtigkeiten im Land unternahm. „Die Brasilianer waren teilnahmslos und passiv, vielleicht hatten sie auch resigniert“, sagt er.

Eron selbst stammt aus einem religiös geprägten Elternhaus, ist mit den christlichen Werten der Nächstenliebe aufgewachsen. Er ist überzeugt: Das habe seine Haltung geprägt. Früher hätte er deshalb auch Pfarrer werden wollen, um zu helfen. Aber davon habe es in Rio de Janeiro schon zu viele gegeben. „Also habe ich beschlossen, Batman zu sein“, erzählt er. Im Raum neben dem Arbeitszimmer bewahrt er die dafür notwendigen Requisiten auf: sieben schwarzgrau bemalte T-Shirts, fünf hautenge Leggings, zwei Boxershorts, ein Paar Handschuhe. Daneben hängen die Maske und der lange Umhang auf einem Kleiderständer. Jedes einzelne Teil hat er selbst gemacht, nur die Maske bekam er von einem Freund geschenkt.

„Die Verkörperung Batmans ist für mich eine Art sozialer Auftrag“, sagt er. Auch wenn alles wie ein wahr gewordener Kindertraum wirkt, nimmt Eron sein Alter Ego ernst. Denn als im Juni 2013 die Proteste begannen, wollte er ein klares Statement setzen. Und kein anderer Superheld seiner Kindheit eignete sich dafür besser als Batman.

Diese Reportage wurde am 5. Juli 2014 in der Printausgabe der Wiener Zeitung veröffentlicht.