Mein Leben im Chaos
Dreieinhalb Jahre Venezuela: Das bedeutet, ein Land auf dem Weg in den Abgrund zu begleiten. Ich sah Menschen im Müll nach Essbarem wühlen, Polizist:innen auf Demonstrationen schießen und Lynchmobs morden. Eine Bilanz.
Als mich die Airline beim Einchecken überraschend auf Business Class upgradete, konnte ich nicht ahnen, dass das für lange Zeit der letzte Komfort in meinem Leben bleiben sollte. Es war Anfang 2014, der Flug ging von Brasilien über Peru nach Venezuela. An Bord gab es Gratis-Sekt, und am Boden erwartete mich ein Leben im Mangel.
Zwar war ich von einer Kollegin mit hilfreichen Kontakten versorgt und von einer venezolanischen Freundin emotional auf das Land vorbereitet worden. Die Realität hatte aber nichts mit dem zu tun, was ich mir vorgestellt hatte.
Schon damals begann der südamerikanische Staat im Chaos zu versinken – trotz der weltweit größten Erdölvorkommen und damals noch verhältnismäßig hohen Ölpreise. Für einen Dollar zahlte man auf dem Schwarzmarkt knapp unter 100 Bolivares. Ich kann mich gut an die Aufregung erinnern, als der Dollar kurz nach meiner Ankunft erstmals diese Marke übersprang: ein Skandal! Dass dies erst der Anfang einer wilden Talfahrt der venezolanischen Währung sein sollte, wissen wir heute besser. Im heurigen Juli hat der Dollar die 10.000-Bolivares-Marke geknackt. Die Hyperinflation lässt grüßen.
Die vergangenen drei Jahre habe ich Venezuela nur zwei Mal verlassen, um nach Österreich zu reisen. Als ich nach Caracas zurückflog, war ich weitaus besser vorbereitet als beim ersten Mal. Ich brachte Stoffwindeln für meinen Sohn mit, einige Packungen Shampoo, Seife und Zahnpasta, außerdem Nudeln, Reis und ausreichend Medikamente für etwaige Notfälle. Sogar eine Zehnerpackung Toilettenpapier stopfte ich in meinen Koffer. Außerdem hatte ich 2000 Dollar im Gepäck – oder besser gesagt: in der Unterwäsche. Es sollte nicht offensichtlich sein, dass ich mit so viel Bargeld einreiste. Zu groß ist die Gefahr, dass man von den Grenzbeamt:innen am Flughafen an Kriminelle verpfiffen und dann auf der halbstündigen Fahrt nach Caracas ausgeraubt oder sogar umgebracht wird, wie es im März vor einem Jahr einem Reisenden aus Ägypten passiert ist.
Venezuela ist kein einfaches Land. Trotzdem war ich fest entschlossen, weiterhin dort zu leben. Immerhin hatte ich hier einen Partner gefunden, und mein Kind ist Venezolaner. Doch nun habe ich mich entschlossen, das Land vorerst zu verlassen – auch deshalb, weil mir die Situation inzwischen zu chaotisch und unsicher wird. Zeit, ein Resümee zu ziehen.
Im August 2014, als ich die Business Class des Fliegers verließ und erstmals venezolanischen Boden betrat, hatte das Land gerade mehrwöchige Proteste mit 43 Toten hinter sich. Schon damals begannen die Auswirkungen der Wirtschaftskrise sichtbar zu werden. Ich suchte in den Geschäften verzweifelt nach einer Flasche Shampoo, weil ich aus Unwissenheit keines mitgebracht hatte. Ein Bekannter musste via Internet herausfinden, wo gerade Hygieneprodukte erhältlich waren. Ein Jahr später war nicht einmal mehr das möglich. Ich stand – so wie viele Venezolaner:innen – an einem Sonntagvormittag in der unendlich langen Schlange eines staatlichen Supermarktes und versuchte, knapp gewordene Produkte zu ergattern. Nach fünf Stunden musste ich an der Kassa nicht nur zahlen, sondern auch meine Personaldaten und Fingerabdrücke abgeben. Dafür bekam ich: zwei Packungen Maismehl, zwei Kilo Zucker, zwei Liter Milch, zwei Packungen Kaffee.
Heute sind diese von der Regierung regulierten Produkte in keinem privaten Geschäft mehr zu finden und der staatliche Supermarkt wurde nach Korruptionsfällen geschlossen. Die Waren werden inzwischen von regierungsnahen Lokalkomitees direkt an die Bevölkerung verteilt. So soll vermieden werden, dass sie von privaten Unternehmen zurückgehalten und überteuert verkauft werden.
Doch viele der Produkte tauchen später erst recht wieder zum Zehnfachen des ursprünglichen Preises auf dem Schwarzmarkt auf. Auch ich habe dort eingekauft. Nudeln gibt es fast immer, häufig importiert, meistens von schlechter Qualität. Mit viel Glück kann man zwischen Spaghetti und Penne wählen, in der Regel muss man aber nehmen, was gerade da ist. Reis und Mehl sind so oft ausverkauft, dass man auf Vorrat kaufen muss, wenn sie doch einmal im Angebot sind. Und das bei den Venezolaner:innen so begehrte Maismehl ist nur noch so selten zu haben, dass es inzwischen selbst auf dem Schwarzmarkt heimlich unter dem Ladentisch verkauft wird.
Viele Venezolaner:innen verdienen zu wenig, um sich die Preise auf dem Schwarzmarkt leisten zu können. Die Auswirkungen der Wirtschaftskrise werden am deutlichsten an den Mistkübeln der Stadt sichtbar: Dort wühlen unzählige Menschen im Abfall nach Essbarem. Jeden Abend um fünf Uhr, wenn ich mit meinem Sohn eine Runde spazieren ging, habe ich sie gesehen: Junge, Alte, Männer, Frauen und Kinder. Nicht nur ein Mal hat mich eine junge Mutter um Babywindeln oder Kleidung angebettelt. Nicht nur ein Mal habe ich Tränen verdrückt, weil mir das Schicksal dieser Menschen nahe ging, ohne dass ich mehr tun konnte, als ein bisschen Essen zu kochen und es ihnen zu schenken.
Die Schuld an der Misere ist vor allem bei der politischen Führung zu suchen, die das Land an den Abgrund geführt hat. Ab 2014 begann der Erdölpreis zu fallen, gleichzeitig ging es auch mit Venezuelas Wirtschaft bergab. Zuvor hatte der Staat vieles über die Einnahmen aus dem Ölverkauf subventioniert – und das war gefährlich für Machthaber Nicolás Maduro, der bei den Venezolaner:innen deutlich weniger Ansehen genießt als sein Vorgänger Hugo Chávez. Je weniger Rückhalt er in der Bevölkerung hatte, umso autoritärer regierte er. Seine Handlungen schienen häufig unüberlegt, als ginge es ihm nur um den Machterhalt. Je heftiger er sich an die Macht klammerte, umso chaotischer wurde auch die politische Situation in Venezuela.
Ein gutes Beispiel für das wachsende Chaos ist auch die 100-Bolivares-Banknote, auf der das Gesicht des venezolanischen Freiheitskämpfers Simón Bolívar prangt. Im Dezember 2016 beschloss Maduro kurzerhand, den bis dahin größten Geldschein des Landes innerhalb weniger Tage aus dem Verkehr ziehen zu lassen. Begründung: Die großen Scheine würden es Kriminellen erleichtern, Geld zu waschen.
Das Chaos war perfekt. Alle wollten ihre Banknoten loswerden, außer der Zentralbank (vor der sich wieder diese endlos langen Schlangen bildeten) nahm sie aber keiner mehr an. Es kam zu Plünderungen und Ausschreitungen. Die neuen Banknoten mit höheren Denominationen, die im Ausland gedruckt wurden, ließen auf sich warten – angeblich wegen internationaler Sabotage: Das Flugzeug mit den Geldscheinen war in Schweden einfach nicht gestartet.
Also machte Maduro einen Rückzieher und erklärte die alten Hunderter kurzerhand wieder einen Monat lang für gültig. Vier Wochen später wiederholte sich das Spiel. Und dann wieder und wieder und wieder. Heute, neun Monate nachdem der 100-Bolivares-Schein für ungültig erklärt wurde, zahlt Venezuela immer noch damit.
Das Chaos durchzieht jeden Lebensbereich und manifestiert sich letztlich auch in Erlebnissen, auf die ich lieber verzichtet hätte. In der Zeit, in der ich in Venezuela gelebt habe, wurde ich zwei Mal Augenzeugin von Selbstjustiz. Beide Male ging ein Mob direkt vor meinem Haus auf jemanden los, der von jemand anderem als angeblicher Gauner identifiziert worden war. Einmal gab es einen Toten, im zweiten Fall hatte das Lynchopfer Glück und wurde von einem Polizisten davor bewahrt, erschlagen zu werden. Dass ein Fingerzeig auf offener Straße das Schicksal eines Menschen besiegeln kann, lässt mich sprachlos zurück. Im Grunde könnte es auch einen Unschuldigen treffen, der mir nahesteht.
Sah man die Zukunft Venezuelas vor drei Jahren trotz allem bis zu einem gewissen Grad positiv, ist dieser Optimismus heute verflogen. Das Land gerät immer mehr in die Isolation. Internationale Ferngespräche gibt es nicht mehr, der Luftverkehr ist eingeschränkt. Neun Airlines fliegen Venezuela nicht mehr an, darunter die deutsche Lufthansa, mit der ich 2016 noch in einem halbleeren Flieger nach Europa gesessen war. Zuletzt stellte die kolumbianische Fluggesellschaft Avianca ihre Flüge ein, die US-amerikanische Delta Airlines tut das ab September. Auch Fernsehsender sind abgeschaltet, wie etwa der spanische Dienst von CNN, der zu Jahresbeginn von Machthaber Maduro höchstpersönlich des Landes verwiesen wurde.
Doch am schwerwiegendsten ist wohl, dass sich immer mehr Menschen dazu entschließen, ihre Heimat zu verlassen. Aus meinem unmittelbaren Bekanntenkreis sind alleine in den vergangenen drei Jahren mindestens sieben Venezolaner:innen ausgewandert. Weitere fünf sparen gerade auf ein neues Leben irgendwo in Südamerika, den USA oder Europa. In Spanien gibt es inzwischen mehr Asylansuchen aus Venezuela als aus Syrien, nämlich 3.690 im vergangenen Jahr. Selbst mein Schwiegervater, der vor über 30 Jahren aus dem Bürgerkriegsland Kolumbien gekommen war, überlegt jetzt, dorthin zurückzukehren – obwohl er sich sein gesamtes Leben in Venezuela aufgebaut hat.
Vor allem die gewalttätigen Auseinandersetzungen der vergangenen vier Monate geben Anlass zur Sorge und verstärken die Emigration. Begonnen hat alles damit, dass das Höchstgericht die oppositionell dominierte Nationalversammlung auflöste und deren Kompetenzen kurzerhand auf sich selbst übertrug. Zwar machte der Oberste Gerichtshof das Urteil rückgängig, da waren die Proteste aber bereits entbrannt.
Seitdem gingen die Venezolaner:innen im Durchschnitt jeden zweiten Tag auf die Straße und verlangten den Abgang des umstrittenen Präsidenten Maduro und Neuwahlen. 110 Menschen kamen dabei laut Angaben der Staatsanwaltschaft ums Leben, 80 davon durch Schusswaffen. An die 15.000 Personen wurden verletzt und mehr als 2.000 festgenommen. Zumindest 275 davon wurden vor Militärgerichte gestellt. Die Sicherheitskräfte gingen mit brutaler Gewalt gegen Demonstrationen der Opposition vor. Mehrmals explodierten Tränengasgranaten direkt vor meinem Haus, einmal flog eine sogar an meinem Fenster im sechsten Stock vorbei. Straßenblockaden wurden für uns zum Alltag, und immer wieder wagten wir es den ganzen Tag nicht, das Haus zu verlassen, weil wir nie wussten, wann und wo die Polizei auftauchen und einen Protest niederschlagen würde.
Die Angst, die Venezuelas Militärpolizei in der Bevölkerung verbreitet, kann ich sehr gut nachvollziehen, seit ich sie hautnah erlebt habe. Es war Mitte Juli, ein Protesttag neigte sich dem Ende zu, aber eigentlich schien alles ruhig zu sein. Ich ging nach draußen, um mir ein Bild von der Situation zu machen. Nur zwei Häuserblocks von meiner Wohnung entfernt war die Lage aber alles andere als entspannt. Menschen standen an einer Kreuzung, auf der Avenida bereiteten junge Männer Molotow-Cocktails vor. Ganz in der Nähe hörte man Schüsse, sah Brandsätze durch die Luft fliegen und hörte, wie sie mit einem dumpfen Knall auf dem Boden aufkamen. Plötzlich begannen die Menschen um mich herum zu schreien, manche rannten los, in alle möglichen Richtungen, möglichst weg von der Kreuzung und der Avenida, hinein in die Nebenstraßen meines Stadtviertels. Ich hörte das Knattern von Polizeimotorrädern, Tränengas hing in der Luft. Gemeinsam mit ein paar älteren Frauen, von denen eine verzweifelt nach Luft schnappte, versteckte ich mich hinter parkenden Autos. Erst als die Bewohner:innen der umliegenden Häuser Entwarnung gaben, traute ich mich nach Hause.
Seit einer Woche bin ich nun zurück in Österreich. Selbst die Ausreise aus Venezuela gestaltete sich chaotisch. Die Tage zuvor hatte die Opposition zuerst eine inoffizielle Volksabstimmung und dann Straßenblockaden, Demonstrationen und einen 48-stündigen Generalstreik abgehalten. Die Regierung wiederum hatte eine verfassungsgebende Versammlung wählen lassen und dabei offenbar gewaltig an den Zahlen gedreht. Daraufhin probten Militärs in der Stadt Valencia westlich von Caracas den Aufstand. All das ließ die Situation in Venezuela dermaßen hochkochen und unberechenbar erscheinen, dass einige der wenigen Airlines, die das Land noch anfliegen, ihren Betrieb vorübergehend aussetzten. Bis zum Schluss war nicht klar, ob Air France auch unseren Flug streichen würde.
Um 16:25 Uhr hob unser Flugzeug dann doch ab. Es war bis auf den letzten Platz ausgebucht, mit Passagier:innen, die nur noch eines wollten: raus aus Venezuela!
Diese Reportage wurde am 14. August 2017 im Wochenmagazin Profil veröffentlicht.
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